40 Jahre Zentrum für Forensische Psychiatrie
…das immer wieder fremdeln lässt
Als Folge der bundesweiten Psychiatrie-Enquête (einer kritischen Bestandsaufnahme der psychiatrischen Versorgung in der Bundesrepublik) erstellte Prof. Wilfried Rasch 1982/3 ein Gutachten zur Situation und zu Entwicklungsmöglichkeiten des damaligen ‚Rottland-Bereichs‘ des Westf. Landeskrankenhauses Eickelborn. Seine Empfehlung: Verselbständigung dieses forensischen Bereiches als eigenständige, spezialisierte Klinik.
Start war am 01.04.1984 mit 380 Patienten und nur etwa 15 therapeutischen MitarbeiterInnen (Ärzte, Psychologen, Sozialarbeiter) gemeinsam mit ca. 100 Krankenpflegern*, auch mit neuem Namen: Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt (ZFPL). Personen der ersten Stunde waren: Dr. Vera Schumann als Leitende Ärztin, Wolfgang Trampe als Pflegedienstleiter, Günter Purwins als Verwaltungsleiter (für sowohl die Allgemein- als auch Forensische Psychiatrie).
Der Start als neue Forensik fiel in die Zeit der bereits laufenden Psychiatriereform. Dies bedeutete in Eickelborn:
- Professionalisierung und Spezialisierung aller Berufsgruppen: Pflege, Medizin, Psychologie, Sozialarbeit, Ergotherapie (Arbeit, Beschäftigung, Ausbildung), Pädagogik (und Schulunterricht), Sport usw.,
- Entwicklung von Qualitätsstandards der Störungsdiagnostik, des Deliktverständnisses, der Gefährlichkeitsprognose, der Motivationsarbeit, der Milieutherapie,
- Erarbeitung von wissenschaftlich begründeten Beurteilungs- und Planungsinstrumenten,
- Erweiterung des Behandlungsspektrums und begleitender Aktivitäten (Offenes Atelier, Patientenzeitung, Theaterarbeit…),
- Regelmäßige Supervision aller Stationen und BehandlerInnen durch auswärtige Fachleute,
- Forschung als Verschränkung von Theorie und Praxis, als Selbstüberprüfung, in Kooperation mit Universitäten,
- Interdisziplinäre Integration aller an der Behandlung beteiligten Berufsgruppen mit Gründung der Eickelborner Fachtagung zu Fragen der Forensischen Psychiatrie (jährlich in der ersten Märzwoche).
Dass die ‚neue’ Forensik mit den alten Problemen (des verantwortungsvollen Umgangs mit dem Risiko) konfrontiert war, wurde spätestens 1994 mit dem Tötungsdelikt an einem Kind durch einen Patienten quasi mitten im Ort auf tragische Weise bewusst.
- Eickelborner reagierten mit einer offensiven und kritischen Infragestellung bisheriger Praxis seitens der Bürgerinitiative ‚Sicherheit vor Therapie’.
- Die Staatsanwaltschaft ermittelte und die Trägerbehörde LWL veranlasste die gutachterliche Prüfung durch einen auswärtigen forensischen Spezialisten, ohne dass sich juristisch oder fachlich Fehler bei der Prognosepraxis oder Lockerungsentscheidung finden ließen.
- Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe veranlasste bis 2017 für Täter mit sexueller Gewalttat eine Einschränkung der Vollzugslockerungen auf ausschließlich 1:1-begleitete Ausgänge vor Ort (mit Verlagerung aller anderen Ausgangsformen in die Herkunftsregion des jeweiligen Patienten).
- Das ZFPL setzte eine Prognoseberatende Fachgruppe als dauerndes ärztlich-psychologisch-pflegerisches Gremium der Lockerungsprüfung ein.
- Die Errichtung einer umlaufenden 5,5 m hohen Zaunanlage samt Schleusenpforte (Inbetriebnahme 2004) trennte die forensischen Klinikgebäude von den anderen psychiatrischen Einrichtungen und vom Dorf ab.
- Mit intensivierter Beiratsarbeit (Lokalpolitiker, Bürgerinitiative, Polizei, Ortsvorsteher, Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter, Kirchen…), später auch einer Sicherheitspartnerschaft i. S. eines Bürgerschaftsdialogs stellte das ZFPL mehr öffentliche Beteiligung und Transparenz her. Zu dieser Öffentlichkeitsarbeit gehört auch das gelegentlich verteilte Info-Faltblatt Zentrum aktuell mit statistischen Daten und kurz skizzierten Neuerungen.
Das baulich-organisatorische Sicherheitskonzept hatte Folgen für den Ort: So wurden die Häuser 21, 44 und 48 außerhalb des Zauns aufgegeben. Mehr oder weniger perspektivelos verkommen sie nun allmählich denkmalgeschützt mitten im Ort.
Das herkömmliche ordnungspolitische Konzept sah für den Bereich Westfalen-Lippe einen zentralisierten Maßregelvollzug in Eickelborn vor. Die Dezentralisierungsdiskussion der 1990er Jahre ließ neue Maßregelvollzugskliniken entstehen: 2006 in Dortmund (62 Plätze), 2011 in Herne (90 Plätze), 2023 in Hörstel (150 Plätze) sowie eine spezialisierte Klinik für intelligenzgeminderte Täter in Münster-Amelsbüren (54 Plätze). Entsprechend groß waren jeweils die Gruppen von aus Eickelborn dorthin verlegten Patienten.
Durch die zusätzliche Schaffung von Stationen des sog. integrierten Maßregelvollzugs in allgemeinpsychiatrischen Kliniken (z. B. in Paderborn oder Dortmund) wurden darüber hinaus Möglichkeiten geschaffen, psychosekranke Patienten in ihre Herkunftsregionen zu verlegen und die Zielvorstellung von durchschnittlich maximal 350 PatientInnen in Eickelborn überhaupt erst zu verwirklichen.
Was die Entwicklung des Maßregelvollzugs vor Ort weiter beeinflusst hat, war und ist die Tatsache, dass die Gruppe der Untergebrachten sich veränderte:
- Die ursprünglich große Gruppe auffälliger Persönlichkeitsgestörter (1984: 55 % der Untergebrachten) wird heutzutage hinsichtlich ihrer Schuldfähigkeit zum Tatzeitpunkt juristisch und gutachterlich anders beurteilt, nun meist im Strafvollzug inhaftiert (und dort behandelt). Dass nun ca. 70 Prozent der Maßregelvollzugspatienten psychosekrank und nur noch wenige Persönlichkeitsgestörte untergebracht sind, verändert nicht nur Dynamik und Behandlung intern, sondern auch die Wahrnehmung der Ausgänger extern.
- Eine andere Veränderung betrifft den Anstieg der Zahl untergebrachter Frauen: Von etwa 5-8 % Frauenanteil** stieg (öffentlich wenig bekannt) ihre Zahl auf derzeit etwa 19 % des Gesamtklientels. Auch dies gehört zur Transparenz: Das ZFPL ermöglichte 2018 eine öffentliche Dokumentation ihres Alltags in der Eickelborner Forensik.
40 Jahre selbstständige Forensik heißt nicht nur, im Ort mit – für Insider kalkuliertem, für Außenstehende unklarem – Risiko zu leben. Dies ist, was immer wieder fremdeln lässt, was wenig Gewöhnung oder Gelassenheit zulässt. Und es ist auch nicht nur vielseitiger Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst oder Verkehrsaufkommen zu Stoßzeiten. Bürgerinnen und Bürger in Eickelborn (Sie und ich also) übernehmen mit dieser zentralen Einrichtung der Besserung und Sicherung gesellschaftlich Verantwortung.
Ulrich Kobbé
* Zum Vergleich: Bei aktuell 350 PatientInnen sind es (ohne Ergo- und Sporttherapeuten) heute 73 Planstellen für ÄrztInnen, PsychologInnen, SozialarbeiterInnen und 336 Stellen im Pflegedienst. Gesamtmitarbeiterzahl im LWL-ZFPL: über 525 Beschäftigte.
** Den Dokumentarfilm über in Eickelborn behandelte Frauen gibt es als DVD, Download oder Streamingangebot.